Ulrich Harsch

Der Schutzherr ausrangierter Bücher

Seit über 40 Jahren verwaltet Ulrich Harsch das Antiquariat im Rathausdurchgang. Sein Lebensprojekt war nicht geplant, aber dennoch ein guter Zufall.

Nur wenig Sonnenlicht dringt in den kleinen Laden. Die Regale sind gefährlich voll beladen und ragen weit über meinen  Kopf hinaus. In Säcken stapeln sich die Neuankömmlinge, noch nicht sortierte Bücher. Das unorganisierte Sammelsurium erweckt den Eindruck, dass man hier nichts und alles finden kann.

Es sei auch ein Chaos, beteuert Ulrich Harsch meine Einschätzung und lacht. Er relativiert, dass der Laden durchaus strukturiert sei, er für den Überblick vor allem aber ein gutes Gedächtnis brauche. Wir trinken einen Kaffee vom Bistro im Rathaus. Ulrich Harsch holt sich noch kurz eine Zigarette aus seinem Depot im Briefkasten (so rauche man weniger), bevor er mit rauer Stimme zu erzählen beginnt.

Der ältere Herr ist sichtlich stolz auf sein Bücherparadies. Es hat alles ganz spontan begonnen, als der junge Ulrich direkt nach der «Handli», heute Kantonsschule Büelrain, nicht wusste, was er mit sich anfangen will. Durch eine Kollegin bekam er den Job im Antiquariat. Eine schlecht bezahlte Anstellung, die nur «Eigenartige» anzog. Kurz darauf verstarb sein Vorgänger unverhofft. «Da lauft mer ebe nöd eifach so dävo.» Nein, Ulrich Harsch ist geblieben und kam «wie die Jungfrau zum Kind» zu seinem Lebensprojekt. Seit 1976 führt er das Antiquariat im Rathausdurchgang.

Den Beruf als Antiquar lernt man nicht. Freude am Lesen und vor allem am Suchen und Nachschlagen und eine unstillbare Neugierde bringen einem die nötigen Erfahrungen, die es braucht, um ein guter Antiquar zu sein. Demgemäss mag Ulrich Harsch Lexika. Man kann sich darin so gut verlieren und stets auf Neues stossen, das man gar nicht aktiv gesucht hat.

Rund die Hälfte der Arbeitszeit verbringt er damit, Bücher zu suchen. Manchmal auf spezifische Wünsche seiner Kundinnen und Kunden hin, immer wieder aber auch aus eigenem Interesse. Wie im Lexikon kann er sich auf dieser Suche verlieren, eine Autorin oder ein Autor führt ihn zur oder zum nächsten. Er glaubt nicht, dass sein Bücherhunger je ausgestillt sein wird. Nicht selten kauft er ganze Nachlässe. So kommt es, dass der schummrige Laden proppenvoll ist. Dabei ist das Antiquariat nur die Spitze des Eisbergs. Seine liebsten und wertvollsten Errungenschaften registriert er und bewahrt sie in einem Lager auf.

Das ungeliebte Aussortieren ist ein fixer Bestandteil seiner Arbeit. Die Bücher landen dann beim Maag im Recycling; «wenn ich mit Büecher fertig bi, hends kei Fleisch meh ade Chnoche», sagt er.

Ulrich Harsch ist passionierter Leser. Er hegt eine besondere Leidenschaft für Schweizer Literatur und Lokalgeschichte. Diese verkaufen sich zwar schlecht, dennoch trennt sich Ulrich Harsch nur ungern von ihnen. Neben den Regalen, die für seine Lieblinge reserviert sind, ist er versucht, eine möglichst breite Lesepalette anzubieten. Kunst, Geisteswissenschaften, Philosophie, Psychologie, Theologie, auch Rechtsgeschichte und Naturwissenschaften gehören zum Grundbestand.

Bis vor 20 Jahren hatte er zu viele Kunden und zu wenig Bücher. Heute ist das Gegenteil der Fall. Das Internet hat einen neuen Markt für Bücher eröffnet. Dank diesem ist es auch für Unbedarfte möglich geworden, mit Büchern zu handeln. Allerdings fehle es ebendiesen an Erfahrung, um das Material richtig einzuschätzen und Vergriffenes und Erstausgaben zu erkennen, meint Ulrich Harsch und lacht. Er weiss, was sich gut verkaufen würde: «Unterhaltigsliteratur gaht immer no wäg wie warmi Weggli». Er handelt aus Überzeugung und aus dem Bedürfnis zu retten. Diese Bücher haben es verdient gepflegt, gepriesen und eigentlich auch gelesen zu werden.

In diesem Jahr wird Ulrich Harsch pensioniert. «60 werden kann man noch erfolgreich verdrängen, die Rente weniger». Die Rente wird ihm etwas Druck abnehmen und gewisse Freiheiten gewähren. Er möchte zum Beispiel mehr Energie in Kunstausstellungen investieren, die vier Mal jährlich im zweiten Stock stattfinden. Er hofft, auch wieder regelmässiger verreisen zu können. Es zieht ihn in den Süden nach Frankreich etwa, nach Italien oder Griechenland. Die bevorstehende Pensionierung fordert von Ulrich Harsch auch eine Auseinandersetzung für mögliche Übernahmen und zukünftige Optionen für sein Antiquariat. Er hofft, dass es irgendwie weitergehen wird. Womöglich wird eine Gemeinschaft den Einzelkämpfer-Job übernehmen. Konkreteres sei noch nicht spruchreif, meint Ulrich Harsch und schliesst mit diesen Worten unser Treffen.

 

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