Matthias Sahli

«Die Welt ist absurd»

Der Winterthurer Filmemacher Matthias Sahli will den Film revolutionieren. Am 19. Mai feiert sein Abschlussfilm «Intervention in einer Bank» im Kino Loge Premiere.

Die Interview-Situation scheint ihm nicht ganz geheuer, etwas verkrampft sitzt er auf dem Stuhl. Der junge Mann mit den lockigen, zerzausten Haaren und den unauffälligen Klamotten ist Filmemacher. Es ist nicht lange her, dass Matthias Sahli sein Film-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen hat. Jetzt muss der 28-Jährige sein Leben neu organisieren. Er hat keine vorgegebenen Strukturen durch das Studium mehr. Und auch sein Bachelor-Abschlussfilm wurde vor Kurzem fertig. Der Kurzfilm heisst «Intervention in einer Bank» und handelt von den Angestellten einer Bank, die nach der Finanzkrise mit Hilfe eines Psychologen versuchen, ihre Arbeitsmoral zurückzugewinnen.

Matthias Sahli arbeitete vor seinem Filmstudium selbst in einer Bank, in der er eine KV-Lehre absolvierte. Während dieser Zeit beobachtete er, wie die Arbeitsmoral nach der Krise sank und die Vorgesetzten keinen Weg fanden, ihre Mitarbeitenden wieder zu motivieren. «Es ist eine überspitzte, humoristische Darstellung der Bankenbranche. Ein Gedankenexperiment, wie man die Probleme hätte lösen können. Mein Ziel ist es, den Leuten die Stimmung zu verbildlichen, die in so einem Grossraumbüro herrscht», beschreibt Matthias Sahli seinen Film, der am 19. Mai die lokale Vorpremiere an der Kurzfilmnacht im Kino Loge feiern wird.

«Intervention in einer Bank» war sein letztes realisiertes Projekt. Was er jetzt vorhat? Filme machen natürlich: Einen Langzeitfilm, aber doch auch Kurzfilme, denn da habe man jede Menge kreative Freiräume. «Man kann den Zuschauerinnen und Zuschauern in Kurzfilmen viel mehr zumuten und Stilmittel und Darstellungsformen auswählen, die in einem Langzeitfilm für das Publikum zu anstrengend wären», erklärt Matthias Sahli. Worum es in diesen Filmen gehen soll, weiss der Filmemacher noch nicht. «Ich möchte den Film revolutionieren. Es soll nicht mehr primär um die Geschichte gehen, sondern um die Stimmung, die der Film durch seine Bilder vermittelt. Mit jedem filmischen Werk möchte ich etwas noch nie Dagewesenes schaffen.» Er habe viele Ideen im Kopf, aber noch keine sei ausgereift. Vielleicht werde er eine Zeit lang in der Natur verbringen, also in den Bergen, wo er in Ruhe Ideen entstehen lassen, verwerfen, durchdenken und ausarbeiten könne. Man sieht Matthias Sahli an, dass er ständig in Gedanken ist, auch während dem Gespräch. Manchmal leuchten seine Augen beim Reden, so als habe er eben eine neue Idee, eine neue Erkenntnis. «Nach Aussen wirke ich ruhig und gelassen, aber innerlich gehen immer unglaublich viele Dinge gleichzeitig ab.»

Diese Reflexion zeigt sich in seinen Filmen. Szenenauszug aus dem Film «Hausarrest», mit dem Matthias Sahli an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur 2015 den Publikumspreis gewonnen hat: Max, der Protagonist, steht in der Einfahrt zu seinem Haus und spritzt mit dem Wasserschlauch Beleidigungen, mit Kreide geschrieben, vom Asphalt weg. Wer diese geschrieben hat, ist nicht klar. Auf seinem Kopf trägt er einen Motorradhelm. Mit geometrischer Genauigkeit beeindruckt die Komposition der Szenerie mit Treppe, vereinzelt gepflanzten Büschen, die dem sterilen, weissen Hintergrund etwas Farbe verleihen und dem geöffneten Garagentor, das den Blick auf ein Motorrad frei gibt. Das Wasser aus dem Schlauch fällt hörbar zu Boden, Max führt eine Unterhaltung mit seiner Fussfessel und erteilt ihr Aufträge.

Diese eine Szene zeigt deutlich, worauf Matthias Sahli in seinen Filmen Wert legt: komplexe Bildkompositionen, in denen Poesie und Symbolik liegen, sowie die Absurdität, die er mit dem alltäglichen Leben verknüpft. «Die Welt, in der wir leben, ist absurd. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin auch einfach ich schräg.»

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