Sonja Zyskowski

Das alte Fraueli

Sonja Zyskowski fühlt sich dort am wohlsten, wo etwas los ist: Ob Konzerte, Vernissagen, Theateraufführungen oder andere kulturelle Anlässe in Winterthur – sie lässt sich kaum etwas entgehen.

Es ist einer dieser Oktobertage, die bewölkt starten, sich dann aber allmählich aus ihrem grauen Mäntelchen schälen und uns noch einmal mit beinahe sommerlichen Temperaturen erfreuen. Ich sitze mit Sonja Zyskowski vor dem Museum Bellerive in Zürich, sie auf ihrem Rollator, ich auf der Mauer daneben. Wir essen die ersten Marroni dieses Jahres und beobachten die Leute, die in das Ein- und Ausgehen der Tanzschule vis-à-vis ein- und ausgehen. Das erinnert Sonja an alte Zeiten, in denen sie selber noch leichtfüssig durchs Leben tanzte. Sie klopft etwas zerknirscht auf die Stütze ihres Rollators und meint zu mir: «So eine, wo mit mir wett tanze, muess zerst no erfunde werde.»

Sonja wurde 1928 in Winterthur geboren. Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter «vor allem sehr schön». Sonja hat sie für ihre Eleganz immer bewundert, das intensivere Verhältnis hatte sie allerdings zu ihrem Vater. Er widmete ihr, seinem einzigen Kind, alle Aufmerksamkeit und Zuneigung, lehrte sie in den schmalen und steilen Gassen des Niederdörflis das Autofahren und nahm sie mit auf kleine Reisen. Die Neugierde und Entdeckungslust hat sie von ihm. Sonja erinnert sich, bereits früh Momente des Fernwehs gekannt zu haben. Eines Tages begleitete ihr Vater sie nach Le Havre. Nach vier Tagen auf See schiffte Sonja in New York ein. Sonja war damals 18 Jahre jung. Was als Entdeckungsreise begann, wurde ihr zur neuen Heimat. Sie arbeitete in einem Gesundheitszentrum für Armutsbetroffene, verliebte sich, bekam einen Sohn und lebte für zehn Jahre in Los Angeles. Das Leben in den USA gefiel ihr gut. Da der US-Amerikanische Staat Doppelbürgerschaften nicht erlaubte, hatte Sonja den roten Pass ohne zu zögern zu Gunsten des schwarzen Büchleins abgegeben. Zurück in die Schweiz kam sie erst, als ihre Eltern pflegebedürftig wurden und das Geld des Sozialstaats Schweiz für deren Betreuung nicht ausreichte. Ob sie andernfalls je zurückgekommen wäre, vermag Sonja nicht zu sagen.

Heute wohnt Sonja unweit der Winterthurer Altstadt, am Puls des Lebens. Menschen, die sich im Alter aufs Land oder in verschlafene Vorstadtviertel zurückziehen, kann sie nicht verstehen. Sonja fühlt sich am wohlsten da, wo etwas los ist. Sie ist bestens informiert über aktuelle Anlässe. Als ich sie frage, wie sie es schafft, so gut über das kulturelle Geschehen aufgeklärt zu sein, erklärt sie mir, das sei schon immer so gewesen. Dass sie dafür aber nichts tue, weder mit dem Computer zu Gange käme und noch nicht mal eine Zeitschrift abonniert habe. Ich schreibe dieses Wissen vor allem Sonja’s wachem Geist und ihrer Neugierde zu. Ausserdem scheint es mir, ist sie befreit von Berührungsängsten und erlebt dadurch das Leben in seiner geraumen Vielfalt. Gerade noch heute Morgen ging sie an einen Brunch der Drogenanlaufstelle D.A.S. Es ist ihr egal, wenn man sie unter Randständigen sieht und sie womöglich gar dazu zählt. Allgemein scheint es mir, dass es ihr gleichgültig ist, zu einer Gruppe dazu oder nicht dazu gezählt zu werden. Sie ist ein Freigeist, will unfassbar sein, um nicht kategorisiert zu werden. So trifft man sie ebenso wahrscheinlich im Fotomuseum bei einer Vernissage wie im Albani bei einem Bier.

Ob unter Randständigen, Migranten, Jungen oder Senioren, Sonja ist sowieso unter ihresgleichen und immer drauf und dran, aus der Reihe zu tanzen. Wir gehen langsam wieder Richtung Tramstation, sie schiebt ihren Rollator gemächlich aber bestimmt die Strasse entlang. Immer wieder hält sie inne, um einen besonders hübschen Garten, einen Balkon oder eine zwischenmenschliche Begebenheit zu kommentieren. Vor einer grossen Blocksiedlung bleibt sie stehen und macht mich spitzbübisch grinsend auf die vielen Klingeln aufmerksam: «Das wär denn guet gsi, zum Lütistreich mache.» Sie erzählt mir weiter, dass sie als Kind einmal den Pfarrer fragte, ob er nicht für sie klingeln möge, sie käme nicht empor. Wie er bereitwillig helfend zur Tat schritt, rannten die Kinder lachend davon und liessen den Verdatterten, zum Lütistreich-Genötigten alleine vor der Tür stehen. Es braucht nicht viel Fantasie, sich die 88-Jährige mit bunten Kleidern und Brille als keckes Mädchen vorzustellen.

 

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