Rene Megroz

Scham ohne Scham

Früher waren es Igel, Wälder und Stofftiere. Heute sind es weibliche und männliche Körper, die René Mégroz fotografiert. Der Autodidakt ist im Alltag Arzt.

Donnerstagnachmittag. Die Tür zur Arztpraxis ist geschlossen. Ein Mann von grosser Statur öffnet, er könnte als Doppelgänger von Dany Boon (Hauptdarsteller in «Willkommen bei den Sch’tis») durchgehen. Seine Füsse stecken in Birkenstocksandalen, Hemd und Jeans trägt er in Grau. Der weisse Arztkittel hängt am Nagel – René Mégroz hat frei. Er räumt auf seinem Pult einen Stapel Bücher beiseite, rückt mit dem Stuhl etwas näher und beginnt von sich zu erzählen. Zwischendurch kramt er in einer Schublade nach etwas. Dann zieht er eine schwarzweisse Postkarte hervor. Darauf sind drei nackte Körper, auf einem Schiefertisch liegend. Der Fokus des Bildes ist auf die Füsse, Beine und Genitalien gerichtet. Erst dann wandert der Blick zum leicht verschwommenen Hintergrund: den Händen, die bei zwei Personen auf deren Bäuchen ruhen und den hervorstehenden Rippen einer dritten Person. «Die Interpretation dazu überlasse ich jedem selber», sagt der Autodidakt, der unter anderem diesen Winter an der Photo 16 in Zürich ausstellte.

Der eine mag das Foto als befremdend oder gar makaber empfinden, die andere fühlt sich dadurch angeregt. René Mégroz fotografiert die Körper seiner Models so, «wie sie Gott geschaffen hat». Dabei verzichtet er auf Inszenierungen, Retusche, Farbe und nachträgliche Ausschnittänderungen.

Ganzkörperaufnahmen macht er kaum, viel lieber zoomt er auf Details wie etwa Narben, Härchen im Intimbereich oder Rillen an der Ferse. Das Wesentliche rückt er an den Rand. Die restliche Fläche lässt er oft einfach weiss oder schwarz. Die Betrachter erhalten somit wenige Informationen, die ihr Interesse wecken können. Der 57-Jährige schliesst die Genitalien nicht aus, fotografiert ohne Scham. Ein langjähriger Freund René Mégroz‘ sagt: «Seine Bilder regen an, schockieren auch mal, bleiben haften.» René Mégroz sagt: «Ich versuche, neue Aussagen zu machen. Die klassischen Aktfotos sind auch spannend, aber letztlich vom Konzept her ein bisschen verbraucht.» Ihm sei es wichtig, dass sich die Leute seiner Bilder erfreuen und sich durch sie berührt oder angesprochen fühlen. «Als Fotograf interessieren mich die bildgestalterischen Fragen, die Betrachtung des Körpers als einzigen wirklichen Besitz eines Menschen.»

Als Arzt interessiere ihn der Mensch vom Molekül bis zu seinen soziopsychischen Lebensbedingungen, seiner «condition humain». René Mégroz weiss, was er will und was nicht. Fragen beantwortet er oft schnell, aber nie unüberlegt. Er drückt sich differenziert aus, ohne dabei den Humor zu verlieren. Manchmal streicht er sich mit den Händen kurz übers Gesicht, wobei seine grossen Ohren Farbe erhalten. Grosse Ohren sollen angeblich für einen kreativen, schöpferischen Geist stehen.

Schon als 12-jähriger Bub knipste René Mégroz Fotos. Ausschlaggebend dabei war ein Buch über die Theorie und Praxis der Fotografie – ein Geschenk seiner Mutter. Das Gelesene wollte er selbst ausprobieren. Bruder, Haus- und Stofftiere mussten Modell stehen. Seit seinem 27. Lebensjahr interessieren ihn Bilder der Körperlandschaften und solche von Landschaften im Nebel.

Trotz seiner Begeisterung für die Fotografie beschloss René Mégroz, Humanmedizin zu studieren und promovierte 1992 – mit 34 Jahren – zum Doktor der Medizin. Das Fotografieren blieb seine Passion. Später arbeitete er unter anderem in der Chirurgie, der inneren Medizin, in einem Heim für gehandicapte Menschen und in der Psychiatrie. Seit 1996 ist der Arzt selbständig und betreibt eine Allgemeinpraxis am Untertor. Der gebürtige Winterthurer ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. René Mégroz wird oft gefragt, was denn seine Frau zu seiner Kunst sage. «Meine Frau und meine Familie finden meine Fotos interessant», lautet seine Antwort.

Das nächste Fotoprojekt ist bereits geplant: «Ich habe mehrere Ideen, möchte aber nichts verraten.» Ideen hat René Mégroz genug; die Zeit ist manchmal etwas knapp. Damit ihm mehr Zeit für sich und sein Hobby bleibt, sucht er eine Jobsharing-Partnerin.

 

 Ausstellungen?

- 2016: Photo 16, Zürich

- 2013: Photo 13

- 2013: Galerie für Erdkunst, Romanshorn

-2012: Photo 12

-2009: Photo 09   

-2009: Unjurierte, Winterthur

-2007: Ausstellung Gärtnerstrasse

 

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