Die Velostadt im Porträt

Velofahren ist in Winterthur eine Tugend, der die Bevölkerung nicht nur bei schönem Wetter nachgeht. Ein Besuch bei den verschiedensten Zweiradfahrerinnen und -fahrern der Stadt.

Kaum wärmen die ersten Sonnenstrahlen nach dem Winter die Strassen und Plätze, ist es nicht mehr zu übersehen: Überall sind die Menschen mit Velos unterwegs. Rund 13 Prozent der Bevölkerung – und damit in der Schweiz nach Basel am zweitmeisten – nutzen das Fahrrad, um von A nach B zu kommen. Das Coucou hat acht Menschen besucht, welche die Faszination fürs Velo verbindet.

Beat Wipf arbeitet beim Velokurier Winterthur: In schwarz-grüner Vollmontur gekleidet, treffen wir ihn vor dem Portier auf dem Lagerplatz. Er erzählt uns, dass sich Velokuriere in den 1990er-Jahren eine goldene Nase verdienen konnten. «Vor allem Druckereien setzen auf die schnellen Lieferanten, damals konnten noch keine grossen Datenmengen virtuell übermittelt werden.» Auch heute sind die Velokuriere noch immer gefragt, weil sie schnell und effizient ausliefern. Worauf es in seinem Job ankomme, sei die beste Kombination der Aufträge, um rasch bei den Kundinnen und Kunden zu sein. Die Velokuriere würden auch Autos lieber mal ausweichen, anstatt abzubremsen. «Bremsen nimmt einem den Schwung, da verliert man Zeit», meint Beat.

Nicht wegen des Tempos, sondern aus Minimalismus kurven andere ohne Bremsen durch die Gassen Winterthurs: David Roost ist einer von ihnen. Er baut sogenannte Fixies, ein Zweirad ohne Gangschaltung, bei dem durch Gegendruck auf die Pedale gebremst wird. Auf der Suche nach einem neuen Hobby stiess David auf einen alten Velorahmen im Keller, den er kurzerhand in ein neues Fahrrad verwandelte. Mittlerweile baut er für einen Kollegen sein viertes Fixie zusammen. «Ich gehe auf Wünsche ein, aber es ist mir wichtig, dass meine Handschrift erkennbar bleibt», sagt er. Ja, das Velo kann auch Kunstwerk sein.

Im «Velo Plus» empfängt uns Lehrling Elio Jetzter und zeigt uns stolz sein Downhill-Bike. Der 17-Jährige kam übers BMX-Fahren zur Sportart. «Es ist der perfekte Einstieg, weil man lernt, mit dem Körper das Fahrrad zu steuern.» Der Reiz für ihn ist, Zeit mit den Kollegen zu verbringen. «Man fordert sich gegenseitig heraus.» An das Adrenalin gewöhne man sich irgendwann, die Sprünge im Hang werden zur Routine.

Auch der Ex-Velodieb, den wir bei einsetzender Dämmerung treffen, hat sich an den Adrenalin-Kick gewöhnt. «Ich habe dutzende Velos geklaut. Irgendwann wurde es zur Belanglosigkeit. Mir war nicht einmal mehr bewusst, dass ich etwas Kriminelles mache.» Heute käme das Entwenden von Fahrrädern für ihn nicht mehr in Frage. «Eines ist mir aber wichtig zu betonen: Ich habe nie abgeschlossene Velos geklaut! Also, liebe Winterthurerinnen und Winterthurer: Schliesst eure Fahrräder ab, egal ob zu Hause oder unterwegs.»

Eine gute Portion Glück gehörte wohl dazu, dass unser Velodieb nie erwischt wurde. Denn, glaubt man der Aussage der Velopolizisten, hätte er keine Chance gehabt, vor der Polizei zu flüchten. «Da sind schon einige auf die Welt gekommen, die gedacht haben, sie seien schneller als wir». Entgegen den Erwartungen hat die Bike-Polizei aber wenig mit Verkehrssünderinnen und -sündern zu tun, sondern mit «Randständigen». «Nachdem die Drogenszene 2008 beim Manor-Pavillon aufgelöst wurde, brauchte es eine Truppe, die flexibel unterwegs ist, um die neuen Hotspots in der Stadt (zum Beispiel Spielplätze) aufzusuchen.» Der Job sei nicht immer einfach. Um ihren Auftrag zu erfüllen, sei es manchmal auch notwendig, durchs Fahrverbot zu fahren. Dafür zeigen einige leider kein Verständnis.

Dass man mit dem Geschäftsvelo anders unterwegs ist als privat, weiss auch Anigna Schönenberger. Sie arbeitet bei der Spitex und fährt mit dem E-Bike zu ihren Kunden. «Ich bin vorsichtiger und achte vor allem auf die Autos, welche die Geschwindigkeit von E-Bikes oftmals unterschätzen.» Passiert sei ihr noch nie etwas. Auf das Auto verzichtet sie freiwillig: Sie schätzt es, mit dem Fahrrad in einem Quartier von Haus zu Haus fahren zu können, ohne lange einen Parkplatz für das Auto suchen zu müssen.

Auch Ivan Engler greift nur zum Auto, wenn er mit seinem Film-Equipment von A nach B kommen muss. Der Regisseur hat ein Fahrrad für jedes Terrain: Neben einem normalen City Bike nennt er ein Fixie-Velo, ein Mountain- und ein Fatbike sein eigen. Vor allem auf dem Bike mit den gigantischen Rädern – eher Pneu –, fühlt er sich wieder wie ein kleiner Bub, weil es so gross ist. Das Bike braucht der Regisseur explizit nur im Winter, wenn es Schnee hat. «Als Erwachsener erfährt man selten die Sensation des ‹körperlichen Fehlers›. Ich geniesse es, im Tiefschnee zu fahren, zumal ein Sturz dann nicht gefährlich ist.»

Wie für Ivan Engler liegt auch für David Langhard der Reiz am Velofahren darin, «mal den Kopf zu lüften und abzuschalten». Das Schöne sei zudem, dass man kein Fitnessabo brauche, um eine längere Fahrradtour zu machen. Auf dem Tisch im Musikstudio steht ein Laptop, auf dem sich David bei unserem Besuch die Übertragung des Rennens Tirreno-Adriatico ansieht. «Später muss ich dann zum Rennen in Nizza umschalten», bemerkt er beiläufig und zeigt uns seine Sammlung: Im Studio hängen rund 30 alte Rennräder an der Wand, im Schiffscontainer vor dem Studio stehen nochmals 20 schöne alte Modelle. Die Vorliebe fürs Velofahren liegt in der Familie. Mit seinem Vater fuhr er kürzlich auf den Albulapass: «Mein Vater ist nun 76 und war trotzdem eine halbe Stunde vor mir oben», erzählt David. Und auch sein Bruder Simon sei begeisterter Velofahrer und nehme an Retro-Oldie-Rennen teil.

Statements zu den Bildern

«Als kleiner Junge wollte ich Radsportprofi werden. Bei meinem ersten Rennen fuhr ich auf den 4. Rang. Aber mir sagte der Druck nicht zu, der bei diesen Rennen auf die Kinder ausgeübt wurde, also wurde ich Musiker. Mit dem Sammeln von alten Rennrädern habe ich vor drei Jahren begonnen, als ich genug hatte von der Arbeit im Musikstudio. Kunst ist nie fertig, da ist das Flicken eine schöne Abwechslung. Heute besitze ich etwa 50 Rennräder, die ich verkaufen möchte, sobald sie wieder «zwäg» gemacht sind.» – David Langhard, Rennrad-Sammler 

«Die Faszination dafür, Sachen zusammenzubauen, hatte ich schon immer. Früher habe ich an motorisierten Fahrzeugen gebastelt. In der Schweiz gibt es dafür aber extrem viele Auflagen. Bei den Fixie-Velos kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen. Grundsätzlich kann man alles anbauen, was man will, ohne es nachher prüfen lassen zu müssen. Bei meinem zweiten Fixie habe ich zum Beispiel eine glänzende Folie angebracht, die in der Sonne blendet – ein Auto so zu lackieren ist verboten. Zurzeit baue ich mein viertes Fixie zusammen.» – David Roost, Fixie-Bauer

«Ich würde gerne an internationalen Rennen teilnehmen. Aber man muss sich realistische Ziele setzten, sonst ist man schnell enttäuscht. Mein Ziel ist, den Spass an der Sache nicht zu verlieren. Denn aus Spass habe ich angefangen, und das ist mir wichtiger als Resultate. Schlimme Stürze hatte ich bislang nicht.  Bis jetzt habe ich mir nur die Frontzähne ausgeschlagen und den Finger gebrochen. Beim Downhill-Fahren ist man ja gut geschützt. Und die erste Frage nach einem Sturz lautet meist: ‹Ist das Velo noch ganz?!›» – Elio Jetzter, Downhill-Fahrer

«Der kurioseste Auftrag war die Zustellung eines Rings an eine Trauung. Der Trauzeuge hatte die Aktion so inszeniert, dass der Velokurier mit dem Velo in die Kirche fahren musste, um den Ring abzuliefern. Wir fahren für die verschiedensten Kunden: Für Blumenläden, Arztpraxen, Labors, Übersetzungsbüros oder Unternehmen, die Geschäftsvisas zugestellt haben wollen – aber auch für Private, die ihren Znüni zuhause vergessen haben. Der Reiz besteht nicht darin, schnell zu fahren, sondern die Aufträge möglichst effizient zu kombinieren.» – Beat Wipf, Velokurier Winterthur

«Mein erstes Fahrrad habe ich mit dreizehn entwendet. Von da an wurde es zu einer Regelmässigkeit. Immer, wenn ich von A nach B gelangen wollte, nahm ich mir einfach ein Velo. Das einzige Tabu waren abgeschlossene Zweiräder – das Gesetz der Strasse (respektive der Velowege) besagt, dass unabgeschlossene Velos am Strassenrand oder in Vorgärten öffentliche Güter sind. Irgendwann änderte ich meine Lebenseinstellung, lernte Respekt vor dem Eigentum anderer. Das letzte Fahrrad habe ich vor zwölf Jahren geklaut, seitdem bin ich clean.» – Volker Singer, Ex-Velodieb

«Ich habe vier Velos: Eines für die Stadt, ein elegantes Fixie, ein Mountainbike und das Fatbike, das ich nur im Winter fahre. In der Stadt bin ich damit nicht unterwegs, weil es sehr auffällig ist. Das Bike wurde mir letzten März trotz Schloss aus dem Abstellraum gestohlen. Ich hab mich grün und blau geärgert, das Bike war ja nicht gerade günstig. Ich hab dann Freunde gefragt, ob sie es gesehen hätten. Wider Erwarten schrieb mir jemand am nächsten Tag, wo er es entdeckt hatte. Ich hab es dann zurückgeklaut.» – Ivan Engler, Regisseur und Fatbike-Fahrer

«Mit den «Flyers» der Spitex bin ich immer unterwegs, auch im Winter. Seit ich bei der Spitex arbeite, bin ich nur einmal Bus gefahren. Das E-Bike lohnt sich für unsere Arbeit, weil wir so schneller unterwegs sind in den Quartieren als mit dem Auto, Kosten sparen und zwischen den Besuchen auch besser abschalten können. Wenn ich mal grössere Sachen transportieren muss, spreche ich mich mit jemandem ab, der sie mit dem Auto ausliefern kann. Aber sogar ein Duschbrett lässt sich mit den «Flyers» transportieren.» – Anigna Schönenberger, Fachfrau für Gesundheit

«364 Tage im Jahr und bei jedem Wetter: Die Bike-Polizei wird oft beneidet, weil wir die einzige Abteilung sind, die kurze Hosen tragen dürfen. Gegründet wurde die Abteilung 2009, als die Drogenszene beim Rondell aufgelöst wurde. Die Szene verteilte sich in der ganzen Stadt, mit dem Velo sind wir flexibler und schneller und können auch besser die Brennpunkte auf Spielplätzen oder den Stadtpark kontrollieren, als wenn wir die Orte mit dem Auto aufsuchen. Zum Glück mussten wir bis heute nur zwei Personen vom Velo aus verhaften.» – Leiter Abteilung Bike-Polizei

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