Integration mit Punk und Paprika

Jeden ersten Dienstag im Monat findet im Gaswerk der Frauen*znacht statt: ein Ort, wo sich geflüchtete und hier aufgewachsene Frauen* auf Augenhöhe begegnen, zusammen kochen und essen.

Wenn man von draussen eintritt, ist es wohlig warm im Backstagebereich des Gaswerks. Es riecht nach Paprika, Zwiebeln und Gewürzen. Kinderlachen und angeregte Gespräche hallen durch den Raum – etwa dreissig Frauen und Kinder sind anwesend. Auf dem Menüplan des Frauen*znachts stehen dieses Mal katalanische Speisen: Escalivada, Truita aub patates, Bledes amb Cigrons. Jeden Monat ist die Küche einer anderen Nation vertreten. Genauso vielfältig sind die Herkunftsländer der anwesenden Frauen. Neben Schweizerinnen kommen beispielsweise Frauen aus Syrien, Sri Lanka, Afghanistan, Eritrea und Persien, um gemeinsam zu speisen. Die meisten von ihnen sind aus ihrem Heimatland vor Krieg oder politischer Verfolgung geflüchtet. Einige sind schon seit Jahren hier, andere erst kürzlich in der Schweiz angekommen. Almaz zum Beispiel, die in gebrochenem Deutsch vom Alltag in Syrien und von ihren drei Kindern erzählt. Die Sprachbarriere meistern die Anwesenden mit Händen und Füssen. Die zuvor gebastelten Namenstäfeli regen den Austausch an. Die Idee, Frauen mit und ohne Flucht-Geschichte zusammen zu bringen, entstand vor knapp zwei Jahren, als im Gaswerk ein Fest als Startschuss von verschiedenen Projekten mit Asylsuchenden stattfand.

Viel hat sich verändert seither – aus dem anfänglichen Team sind nur noch drei Frauen dabei, neue sind dazugekommen. Der Erfolg der Veranstaltung habe dazu geführt, dass sich der Anspruch eingeschlichen habe, immer besser zu werden, verrät Lea Reutimann, Mitgründerin des Frauen*znachts. Kürzlich habe man deswegen gar eine «Krisensitzung» einberufen: «Der Punk in der Sache ging ein Stück weit verloren», sagt die Winterthurerin. Und meint damit: Mit dem Projekt soll auch ein politisches Bewusstsein einhergehen. «Der Frauen*znacht ist weit mehr als ein spezielles Konsumerlebnis, bei dem sich Feinschmeckerinnen* gleichzeitig ihr Gewissen reinkaufen können, ohne überhaupt ein Wort mit den geflüchteten Frauen* zu sprechen.» So verschwand beispielsweise der Menüplan schnell wieder von den Flyern und Facebookveranstaltungen – zu sehr ging es nur noch ums exotische Essen und nicht mehr die politische Absicht dahinter. Man wünsche sich regelmässige Teilnehmerinnen* mit einem Bewusstsein für den ursprünglichen Grund dieser Veranstaltung: Dass es für Flüchtlingsfrauen und -kinder nämlich unheimlich schwierig ist, Anschluss zu finden in der Schweiz, da es praktisch keine Angebote für sie gibt. Deshalb soll das Projekt einen Raum für Austausch und Vernetzung schaffen.

Begegnungsort ohne Vorurteile

Das Essen ist serviert. Die Frauen am Tisch sind ausgelassen, es wird gelacht, geredet, Fotos von Verwandten im Heimatland oder von vergangenen Reisen werden herumgezeigt. Frauen, die anfangs eher schüchtern gewirkt haben, tauen langsam auf. Die Kinder spielen miteinander und sind ganz in ihrer eigenen Welt versunken. Unterschiedliche Gespräche entwickeln sich, je nachdem, wie gut man sich schon kennt und wie gross die Sprachbarriere ist. Auf Dolmetscherinnen* verzichte man bewusst, sagt Lea Reutimann. So bräuchte es zwar manchmal mehr Zeit, bis man einander versteht, man habe aber auch einen direkteren Austausch sowie die Möglichkeit, das gegenseitige Sprachverständnis zu fördern. Die vorherrschenden Themen an diesem Abend sind Familie und die Eigenheiten der Schweizer Bürokratie. Eine der Frauen, die seit Anfang regelmässig am Frauen*znacht teilnimmt, ist Masha. Die 29-jährige Perserin kommt fast jeden Monat mit ihrem 8-jährigen Sohn. Sie schätzt den offenen Austausch hier und hat Freundschaften geschlossen, die sie auch ausserhalb des Frauen*znachts rege pflegt.

Zum Dessert gibt es Panellets – Festtagsguetzli aus Kartoffeln und Mandeln –, die helle Begeisterung unter den Anwesenden auslösen. Laura Serra, die heute zum ersten Mal und zusammen mit rund sieben Helferinnen beim Frauen*znacht gekocht hat, ist zufrieden. Seit 15 Uhr standen sie in der Küche, vorher waren sie noch einkaufen. Die Veranstaltung ist selbsttragend, 20 Franken zahlt jede Besucherin. Die geflüchteten Frauen zahlen nichts. «Aber auch Frauen*, die schon länger hier leben und sich die 20 Franken nicht leisten können, dürfen immer kommen. Der Frauen*znacht soll wirklich für alle zugänglich sein», sagt Lea Reutimann. Der nicht ganz ernstgemeinte Spruch, dass dies diskriminierend gegenüber den Männern sei, komme übrigens ausschliesslich aus dem Schweizer Kollegenkreis. «Dann bringen wir halt zur Besänftigung ab und zu etwas vom übrig gebliebenen Essen vorbei», sagt Lea und schmunzelt.

*Der Frauen*znacht versteht sich als intersektional feministische Veranstaltung. Das Sternli am Ende des Wortes Frau soll zeigen: Wenn von Frauen* die Rede ist, sind alle unendlichen Formen, eine Frau zu sein, mitgemeint: Transfrauen, homosexuelle Frauen, Frauen aller Alter, Lebensstile und Couleurs. Mehr Informationen zum Frauen*znacht: facebook.com/frauenznacht

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