Chorgesang zwischen Perfektionismus und Geselligkeit

Das Winterthurer Vokalensemble The Zurich Chamber Singers wagt sich an ein neues Album. Dass dies mit viel Knochenarbeit und Herzblut verbunden ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Eine beinahe andächtige Stimmung herrscht im Kirchgemeindehaus Liebestrasse. Es ist ein heisses Juli-Wochenende, draussen ist es über 30 Grad warm. In der Mitte des prächtigen Saales haben sich 18 Zurich Chamber Singers eingerichtet. In typischer Choraufstellung stehen sie zwischen Unmengen von Kabeln, Mikrophonen und Lautsprechern. Sie schweigen erwartungsvoll. Der Aufnahmeleiter Raphael Jecker befindet sich nicht im Saal, er hört in einem Raum nebenan konzentriert mit und meldet sich nach jeder Aufnahme zu Wort. Mal bringt er Korrekturen an, mal lobt er das Ensemble.

 

Formation mit Wurzeln in Winterthur

The Zurich Chamber Singers setzt sich aus Sänger*innen aus ganz Europa zusammen und ist einer der wenigen professionellen Chöre der Schweiz. Hinter dem Projekt steht der Dirigent Christian Erny, der im Dezember 2019 mit dem hiesigen Kulturförderpreis ausgezeichnet worden ist. Der gebürtige Winterthurer hat seine Studien in Zürich, Luzern, Bloomington (USA) und Bergen (NO) absolviert und ist heute ein gefragter Pianist, Orchesterdirigent und Chorleiter. Zusammen mit dem Musikwissenschaftler Emanuel Signer und zehn befreundeten Sänger*innen gründete er 2015 die Zurich Chamber Singers. Mittlerweile ist das Ensemble zu einem rund 30-köpfigen Sängerpool herangewachsen und widmet sich in innovativen Programmkonzepten Chorwerken von der Renaissance bis zur Moderne. In der kommenden Saison steht dem Ensemble unter anderem eine Bach-Produktion in Kollaboration mit dem Musikkollegium Winterthur bevor.

«Passio», die Debüt-CD der Zurich Chamber Singers, wurde für den Opus Klassik 2019 nominiert, 2020 folgte der Exklusivvertrag mit dem Label Berlin Classics. In dieser Zusammenarbeit entstehen in der Saison 20/21 zwei neue Alben. Eines davon ist das Weihnachtsalbum «O nata lux».

 

Auftragswerk von aufstrebender Komponistin

An diesem Nachmittag steht die Auftragskomposition von Rhiannon Randle auf dem Programm. Die britische Komponistin wurde 1993 geboren und hat neben Instrumentalmusik und drei Opern bereits verschiedene Chorwerke geschrieben, welche unter anderem von College-Chören in Cambridge und Oxford aufgeführt worden sind. 2019 hat sich Rhiannon Randle im Auftrag der Zurich Chamber Singers an eine Vertonung des liturgischen Textes «O nata lux» gewagt. Ihre Interpretation zeigt Wirkung: Beim ersten Akkord füllen sich meine Augen wie auf Knopfdruck mit Tränen, so glockenrein sind die Harmonien. Nach einigen Takten bricht Dirigent Christian Erny jedoch ab, das Gehörte entspricht noch nicht ganz seiner Vorstellung. Er singt Melodien vor und demonstriert Phrasierung und Ausdruck. Das Ensemble macht sich bereit für einen erneuten Durchgang. Einen Moment lang ist es so still, dass ich mich kaum traue, meinen Kugelschreiber über das Papier gleiten zu lassen. Die Luft flirrt förmlich vor Konzentration, bevor die Sänger*innen wie aus einer Lunge atmen und diese ätherischen Klänge wieder zu schwingen beginnen.

 

Für einen kurzen Moment fühle ich mich in eine Kirche in Island versetzt. Rhiannon Randles Ästhetik erinnert in ihrer mit Reibungsintervallen angereicherten Harmonik und ihrem schlichten Klangideal stellenweise stark an nordische Chormusik. In einem Farbspektrum zwischen glockenhellen Sopranen und profunden Bässen schmiegen sich die Stimmen zu einem ausgeglichenen Ensembleklang zusammen, welcher ganz ohne Instrumente auskommt. Mal erschaffen sie ein intimes pianissimo, mal nimmt ein crescendo einen mitreissenden Zug an und gipfelt in gewaltiger Stimmkraft.

 

Es ist üblich, dass klassische Vokalensembles in Sälen mit guter Akustik aufnehmen und nicht in einem Studio mit später künstlich hinzugefügtem Raumklang. Trotzdem geschieht ein grosser Teil der Arbeit im Studio, wo nach der Aufnahme die schönsten Tonschnipsel zu ganzen Stücken zusammengefügt werden. Christian Erny gibt in den Pausen zwischen den Aufnahmen immer wieder präzise Anweisungen: «Mehr natürliche musikalische Emotion!» oder «Dieser Akkord braucht mehr Leben!» oder manchmal auch sagt er auch einfach mal «Und jetzt ... machen wir weiter.»

 

Bei allem Perfektionismus geschieht das gemeinsame Singen in erster Linie aus Freude an der Musik, das ist bei diesem Ensemble sofort spürbar. Es ist erstaunlich, wie die rund 30-jährigen Sänger*innen im einen Moment zusammen lachen und im nächsten zu einem überaus seriösen Klangkörper mutieren. Und dann geht wieder etwas schief – eine Stimmgruppe hält den Schlussakkord etwas zu lange aus – und nach einem kurzen Innehalten bricht das Ensemble kollektiv in Gelächter aus.

 

Retraite im Bündnerland

Als ich die vier Vorstandsmitglieder des Chores einen Monat später während ihrer Retraite in Bergün besuche, wird schnell klar, dass diese freundschaftliche Stimmung das Herzstück des Ensembles ist. Der künstlerische Leiter des Ensembles, Christian Erny, Projektleiter Emanuel Signer sowie die Co-Geschäftsführer Severin Hosang und David Gurtner – alle ihrerseits auch Sänger im Ensemble – kennen sich aus Chorschul-Tagen. Der Entschluss, einen Chor zu gründen, ist bei einem Bier im Paddy O’Brien’s gefallen. «Was die Zurich Chamber Singers ausmacht, ist die Kombination zwischen sehr hohem musikalischem Anspruch und einer starken sozialen Komponente», sagt Severin Hosang. «Da wird nicht einfach ein Dienst ausgeführt, sondern alle haben richtig Bock auf das gemeinsame Musizieren.» Gerade während der Corona-Zeit sei dies deutlich geworden. «Die Sänger*innen haben zum Teil seit Monaten nicht mehr im Ensemble gesungen, und die Stimmung während den Aufnahmen für die CD war unbeschreiblich. Es war sehr viel Dankbarkeit und Freude an der Musik spürbar.»

 

Inspiriert zum dramaturgischen Konzept von «O nata lux» wurde Emanuel Signer von der Oper im 18. Jahrhundert. «Da wird in den Rezitativen, einer Art Sprechgesängen, die Handlung vorangetrieben, während in den Arien, den solistischen Gesangsstücken, die momentane Gefühlslage besungen wird. Genau so wollte ich die Weihnachtsgeschichte erzählen.» Als «Rezitative» dienen drei Adventslieder zu Beginn, drei mittig platzierte Hirtenlieder und drei Krippenlieder gegen Ende des Programms. Als «Arien» fungieren, neben Benjamin Brittens «A Hymn to the Virgin», Vertonungen von «O nata lux» und «O magnum mysterium». Beide Texte hört man in zwei unterschiedlichen Kompositionen, einer aus dem 16. und einer aus dem 21. Jahrhundert. Die zeitgenössische Fassung von «O magnum mysterium» wird von David Gurtner am Marimbaphon unterstützt. Als grosses Finale erklingt Hieronymus Praetorius’ «Magnificat», ein Vokalwerk aus dem Frühbarock.

 

Neue Zugänge zu klassischer Musik 

Eine dieser Vertonungen ist, wie bereits erwähnt, Rhiannon Randles «O nata lux». Man habe der Komponistin ausser der Textvorlage relativ wenig Vorgaben gegeben, erklärt Dirigent Christian Erny. Sich auf Thomas Tallis' 444 Jahre ältere Vertonung zu beziehen, sei Rhiannon Randles eigene Initiative gewesen. «Es ist uns wichtig, neue Zugänge zur klassischen Musik zu schaffen und das Publikum mit der Gegenüberstellung von Werken auch zu überraschen. Einen Abend lang Zeitgenössisches oder nur Bach-Motteten zu hören, kann anstrengend sein. Wird beides jedoch kombiniert, hört man plötzlich ganz anders hin.»

 

«O nata lux» wurde in erster Linie als Live-Konzert konzipiert und feierte im Dezember 2019 Premiere. Auf Anregung des Labels «Berlin Classics» findet es nun seinen Weg in die Diskografie der Zurich Chamber Singers und erscheint am 13. November 2020 in CD-Form. Aber braucht die Welt noch ein x-tes Weihnachtsalbum? «Es ist wie beim Album «Christmas Songs» der Punkband Bad Religion», meint David Gurtner. «Das höre ich mir auch jedes Jahr wieder an! Und hoffentlich ist auch die CD «O nata lux» eines der Alben, die einen über längere Zeit begleiten.»

 

«Ich freu mich schon auf Weihnachten» 

Bei den Aufnahmen im Kirchgemeindehaus Liebestrasse steht als nächstes die Aufnahme von «Ich steh an deiner Krippen hier» an. Das Stück ist um einiges einfacher als sein Vorgänger «O nata lux». Die Aufnahme-Takes sind entsprechend nicht ganz so fragmentiert. Das Ensemble singt ganze Strophen auf einmal ein. Abgesehen von Sprachkorrekturen und einigen den Ausdruck betreffenden Inputs scheint Dirigent Christian Erny zufrieden. Aufnahmeleiter Raphael Jecker meldet sich via Lautsprecher zu Wort: «Superschön! Ich freu mich schon auf Weihnachten.»

 

Beim Take Nummer 555 ist es an der Zeit, die Stille im Konzertsaal aufzunehmen. Diese Aufnahme soll später unter anderem dazu dienen, Pausen zu reproduzieren, kein Raum ist nämlich jemals wirklich ganz still. Eine meditative Stimmung breitet sich aus, als sich die Musiker*innen darauf konzentrieren, eine ganze Minute lang keinen Mucks von sich zu geben. Danach ist aber klar: Die CD ist im Kasten! Ich verlasse den Saal und betrete die brütende Juli-Hitze mit einem neuen Ohrwurm: «Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu, du mein Leben!»ƒ

 

Die Plattentaufe von «O nata lux» findet am Samstag, 19. Dezember im Kirchgemeindehaus Liebestrasse statt. Weitere Informationen gibt es unter zurichchambersingers.com.

 

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