Wie sich Zürichs Kunstszene emanzipierte

Wie sich Zürichs Kunstszene emanzipierte

Die Ausstellung «Ausbruch und Rausch» gab Einblick in die Zürcher Frauenbewegung und Musikszene der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Kurator*innen Bice Curiger und Stefan Zweifel zeigten darin auf, dass diese Jahrzehnte bis heute nachwirken.

«Es war ein Filz von Leuten, die sich in diesen Bewegungen engagierten», sagt Co-Kurator Stefan Zweifel während einer Führung durch die Ausstellung Ausbruch und Rausch im Strauhof in Zürich. Mit dem «Filz» meint er die die Kunstschaffenden und Aktivistinnen der 1970er- und 1980er-Jahre, welche die beiden Ausstellungen Frauen sehen Frauen und Saus und Braus im Strauhof realisierten.

 

1975 und 1980 sorgten die beiden unkonventionellen Ausstelllungen für viel Aufruhr in den Schweizer Medien. So berichtete damals gar die Tagesschau. Im von der UNO ausgerufenen Jahr der Frau 1975 waren die Frauenbewegungen rund um den Globus in vollem Gange. In Zürich fand bereits acht Jahre zuvor eine Minirock-Demo statt, weil das Café Odeon Frauen mit zu kurzen Röckchen den Zutritt verwehrte. «Im oberen Stock des Caféhauses verdienten jedoch Sexarbeiterinnen ihren Unterhalt», sagt Stefan Zweifel und macht damit auf die gesellschaftliche Doppelmoral aufmerksam, die sich darin manifestierte.

 

«In der Städtischen Galerie zum Strauhof wurde damals eher klassische Kunst gezeigt», sagt der Co-Kurator. Vor 45 Jahren brach eine Gruppe junger Frauen diese Tradition. Eine von ihnen war Bice Curiger, die zusammen mit Stefan Zweifel die diesjährige Erinnerungsausstellung mit dem Titel Ausbruch und Rausch kuratiert hat. «Beim Frauenkollektiv handelte es sich nicht um bereits bekannte Gesichter, sondern um Leute ohne oder mit wenig Erfahrung», sagt der Co-Kurator. Zu ihnen zählten neben Bice Curiger unter anderem auch Rosina Kuhn, Cristina Fessler, Bignia Corradini und Sissi Zöbeli.

 

Der Mix war bunt: Provokative wie auch humorvolle Werke waren in Frauen sehen Frauen ausgestellt. Manche Werke, wie zum Beispiel ein von Bice Curiger gestaltetes Leporello, waren damals und in der diesjährigen Ausstellung zu sehen. In diesem Faltbuch kehrt die Künstler*in und Kuratorin die herrschenden Geschlechterverhältnisse um: Es zeigt Bice Curiger selbst als Businessfrau umgarnt von drei nackten Männern in Posen, die typischerweise als weiblich wahrgenommen werden. Wie in der früheren Ausstellung kommt ausserdem Lady Shiva, der in den 1970er-Jahren bekanntesten Zürcher Sexarbeiterin, eine wichtige Rolle zu: Ein ganzer Raum ist ihr gewidmet. Damals empörte sich so manche*r Besucher*in des Strauhofs über Lady Shiva, die sich jeden Tag in der Ausstellung schminkte, bevor sie ihrer Arbeit nachging.

Täglich schminkte sich Lady Shiva in der Ausstellung Frauen sehen Frauen an ihrem Schminktisch.

 

  

Wie Bice Curiger und Lady Shiva erlangten auch Kunstschaffende von Saus und Braus internationale Bekanntheit. Für das Duo Fischli/Weiss war es der Anfang ihrer gemeinsamen Karriere. Auch Klaudia Schifferle zeigte vor 40 Jahren ihre Werke aus Lack und Karton und spielte am legendären Abschlusskonzert der Ausstellung Saus und Braus mit ihrer Post-Punk-Band Liliput. Dieses sogenannte Monsterkonzert, bei dem neben Liliput auch Bands wie Ladyshave, TNT und Hertz auftraten, wurde durch einen Kredit der Stadt Zürich unterstützt. «Es war die erste Finanzierungshilfe dieser Art für ein Punk-Konzert», sagt Stefan Zweifel.

 

Wie verzweigt die Beziehungen der Kunstschaffenden in Zürich damals waren, wird am Beispiel von Klaudia Schifferle deutlich. Als Schülerin der gestalterischen Schule F + F besuchte sie den Unterricht von Serge Stauffer. «Er achtete darauf, dass wir Kunst, die von Männern oder Frauen geschaffen wurde, zu gleichen Teilen betrachteten», sagt Klaudia Schifferle in einem kurzen Video, das in der diesjährigen Ausstellung zu sehen war.

Serge Stauffer wird beim Panzerknackerballet von den Tänzerinnen zu Boden gebracht.

  

Serge Stauffer war mit seiner Frau Doris Stauffer schon in Frauen sehen Frauen präsent und gelangte wohl nicht zuletzt durch diese Ausstellung zu seinen emanzipatorischen Werten, die er später an seine Schülerinnen weitergab. Die Show «Frauenrakete» machte begleitend zur Ausstellung in kurzen Sketches auf die Doppelrolle der Frau aufmerksam: Einerseits war sie erotische Liebhaberin, andererseits fleissige Putzfrau. Beim «Panzerknackerballet», ein Teil der «Frauenrakete», wurde Serge Stauffer in der Rolle des Dirigenten von den triumphierenden Frauen gebodigt.

 

«Die Forderungen nach Emanzipation erfüllten sich im Laufe der eigenen Leben der kunstschaffenden Frauen», sagt Stefan Zweifel. So wurde Doris Stauffer 2015 mit dem Zürcher Kunstpreis ausgezeichnet. Bice Kuriger erreichte ihren absoluten Karriere-Höhepunkt, als sie 2011 die Biennale in Venedig kuratierte. Auch Klaudia Schifferles Kunst ist heute in zahlreichen Sammlungen verschiedener Kunstmuseen vertreten. Vom 22. November 2020 bis am 24. Januar 2021 sind einige ihrer Werke in der Kunsthalle Winterthur zu sehen.

Bild oben: Plakat und Titelblatt des Katalogs zur Ausstellung Saus und Braus von Klaudia Schifferle und Peter Fischli.

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