Mit Theaterstrukturen brechen

Mit Theaterstrukturen brechen

Interview mit dem Kollektiv «Groupe Nous».

Jonas Frehner (JF): In «Der Mandelkernkomplex» raubt ihr den Zuschauer*innen mit Schlafmasken den Sehsinn und schickt sie auf eine akustische Reise in den eigenen Kopf, die sich irgendwo zwischen Theater und Meditation abspielt. Mit dieser Umsetzung spinnt ihr eure Form des «Audiogenen Theaters» weiter. Wie habt ihr damit das Konzept der sensorischen Deprivation, also den Zustand der Entbehrung, weiterentwickelt?

Patrick Slanzi (PS): Wir verorten das Stück im Vergleich zur letzten Arbeit «ICH BIN WACH» klarer in einem theatralen Kontext und starten szenisch, bevor die Schlafmaske aufgesetzt wird. Die zwei Forscher im Stück haben einen Weg gefunden, Reisen ins Gehirn zu ermöglichen. So reist der Zuschauer übers eigene Ohr durch reale Räume im Hirn zu seinem Angstzentrum, der Amygdala. Die Route wird dabei vorgegeben, etwa wenn wir vom Temporallappen in den Frontallappen reisen.

 

Jonathan Bruckmeier (JB): Und mit der sprichwörtlichen Reise in den eigenen Kopf wird das audiogene Theater mit dem selbstreferentiellen Inhalt, den die Zuschauer*innen selbst einbringen, nochmals aufs nächste Level gehoben: Du gehst in dich rein, um etwas anzuschauen.

 

PS: Auch für uns bleibt das ein Experiment. Das selbstreflexive Moment, die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst und das Realisieren, was eine eigene Angst ist, können wir nur planen – wer weiss, ob das passiert.

 

JF: Ihr seid Schauspieler und Musiker, nun habt ihr selber ein Stück geschrieben und umgesetzt. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

 

JB: Wir sind weder Schriftsteller noch Neurowissenschaftler. Wir bewegen uns inhaltlich auf dünnem Eis und mussten uns in die Materie hineinarbeiten. Einerseits wollen wir die uns angeeigneten Stoffe verdichten, ohne ein Lehrstück zu schaffen. Andererseits wollen wir Gedankenanstösse liefern, Emotionen auslösen und mobilisieren.

 

JF: Und wie setzt ihr das um?

 

PS: Wir nutzen Mittel wie Musik und Meditation, um die Zuschauer*innen zu leiten. Im Idealfall geben wir Fragen nach den eigenen Ängsten weiter, die wir uns zu Beginn gestellt haben. Unser Ziel war aber nie, die Zuschauer*innen zu zerstören und sie voller Ängste aus dem Stück zu entlassen.

 

Nicolas Balmer (NB): Alles ist abstrakter geworden – im letzten Stück war ein Berg ein Berg, diesmal sind die Bilder individueller und wir spielen um einen lebenden Organismus, nämlich das Gehirn, herum. Das spiegelt sich auch in der Musik: Alles wird zu einer grossen, wabernden Masse.

 

JF: Im Stück haben zwei Forscher mittels Meditation eine Möglichkeit entdeckt, um mit Reisen ins eigene Gehirn, Ängste zu lösen. Wie kam es dazu, dass nun ein echter Forscher das Stück begleitet?

 

PS: Ich habe als Sprecher bei einem Forschungsprojekt an der der Universität Zürich mitgewirkt, das die Auswirkung der Sprache aufs Angstzentrum Amygdala untersuchte. Zufällig arbeitete ich genau zu der Zeit am Konzept – griff also parallel bereits dieselben Inhalte wie das Forschungsprojektes auf. Als sich eine Gelegenheit ergab, steckte ich Studienleiter Prof. Dr. Sascha Frühholz das Konzept zu – er war begeistert. Nun wird das Stück und die Musik wissenschaftlich analysiert und das psychologische Befinden der Zuschauer*innen mittels fakultativer Fragebögen untersucht.

 

JF: Wie die Forscher im Stück, macht auch ihr das Publikum zu Versuchskaninchen. Was genau ist euer Ziel?

 

PS: Im Idealfall wollen wir die Zuschauer*innen mit Ängsten konfrontieren. Wenn ich sage: «Denk auf keinen Fall an einen pinken Elefanten», was passiert dann in deinem Kopf? Solch kleine Manipulationen sind zentral; Angst auszulösen ist aber nicht unser Ziel und wir haben auch keinerlei Therapieanspruch. Viel eher interessiert uns eine Entstigmatisierung der Angst: Jede*r hat sie. Wir müssen lernen, damit zu leben.

 

JB: Viel zu oft hört man: «Du musst deine Ängste unterdrücken, sonst sind all deine Chancen dahin.» Im Idealfall können wir kommunizieren, dass Angst ein Teil von jeder Person ist.

 

JF: Habt ihr keine Angst, die Zuschauer*innen zu überfordern?

 

NB: Definitiv fordern wir sie mit schwer fassbaren Sounds und dem Setting der aufgezwungenen Blindheit. Extra möglichst mühsam zu sein, war aber nicht das Ziel.

 

PS: Überforderung macht keinen Spass. Und wir wollen die Leute ja am Ende mit einem guten Gefühl entlassen. Die Zuschauer*innen zu verstören ist nicht in unserem Sinn.

 

2. Die fehlende Zeit

 

JF: Ihr setzt dabei auf sensorische Deprivation und raubt den Zuschauern den Sehsinn. Ist traditionelles Theater zu langweilig geworden?

 

JB: Im Theaterkontext wird immer wieder diskutiert, wie zeitgemäss klassisches Sprechtheater noch ist. Statt Videos und dies und das reinzupacken wollten wir mit einem neuen Ansatz beginnen. Damit sagen wir nicht «das andere ist scheisse», sondern nehmen schlicht einen neuen Blickwinkel ein.

 

JF: Ihr seid also nicht vom klassischen Theater abgewichen, weil es unterfordert?

 

PS: Im Gegenteil: Wir waren eher überfordert. Uns störte, dass dieses «Gefordert-Sein» mit «Begreifen-müssen» verknüpft war. Als Zuschauer fragten wir uns ständig: «Verstehe ich, was mir der Regisseur oder die Regisseurin mitzuteilen versucht, oder bin ich zu blöd?» Wir wollten etwas schaffen, das nicht nur über den Intellekt funktioniert, sondern in ein Erleben reingeht.

Dies ist ein Auszug des Gesprächs mit Groupe Nous, das in voller Länge  in der Februar-Ausgabe 2019 des Coucou erscheinen wird.

 

Mit Groupe Nous widmen sich die Schauspieler Patrick Slanzi und Jonathan Bruckmeier sowie der Musiker Nicolas Balmer seit 2013 dem Zusammenspiel von Text und Klang als performativer Akt im schwarzen Raum. In ihren ersten beiden Arbeiten «Himmelwärts – ein Experiment» und «ICH BIN WACH» haben sie den Begriff des audiogenen Theaters begründet: eine theatrale Form, die sich darüber definiert, dass die Zuschauer*innen nichts sehen – also sämtliche Reize über den Hörsinn aufnehmen – und über verschiedene Meditationsmotive an den Inhalt herangeführt werden. Ihr Stück «Der Mandelkernkomplex» ist am 30. November und am 1. Dezember 2018 im Theater am Gleis zu sehen.

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